Modesoziologie II, WS 2006/07
Versuch einer Reflexion des Seminars mit Blick auf die soziologische Forschung
(von Klaus Möller)
Wenn man sich die verschiedenen Ausarbeitungen zum Thema Mode anschaut, wird ein breites Spektrum ganz unterschiedlicher Einzelthemen sichtbar, die wir mit Mode verbinden und man erhält den Eindruck, es handle sich dabei zudem um einen kleinen Ausschnitt aus den vielen Bereichen, die mit Mode etwas zu tun haben. Wenn wir nun das Verbindende zwischen all diesen Phänomen finden, dann müsste dies das Wesen der Mode sein.
Mode wird oft mit den Erscheinungen, die sie hervorruft, verwechselt. Aber Mode selbst hat nichts mit Kleidung, Frisuren, Farben, Formen etc. zu tun. Mode steht für Veränderung und zwar für eine bestimmte Form von Veränderung. Nicht von ungefähr heißt deshalb ein Buch zum Thema Mode "Die Verbindlichkeit des Vorübergehenden" (Esposito 2004). Wie Elena Esposito diesen Titel ausführt und begründet, werde ich weiter unten erläutern.
Das, was wir vielfach als Mode bezeichnen, ist also eine Auswirkung von Mode. Kleidung tragen ist eine Möglichkeit Mode sichtbar zu machen. Ungefähr so wie ein aufgeblasener Luftballon Luft sichtbar macht, die in ihm steckt, obwohl die Luft selbst unsichtbar bleibt.
Mode ist also die Voraussetzung für wechselnde Kleidungsstile und -trends. Und welche Voraussetzung hat Mode selbst? Unter welchen Bedingungen entsteht Mode bzw. unter welchen Bedingungen ist sie entstanden? Sie scheint ja mittlerweile fast alles zu bestimmen, was uns umgibt.
Glücklicherweise haben sich bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts einige kluge Köpfe mit diesen Fragen beschäftigt. Einer der ersten war Georg Simmel. Er hat bereits vor der Jahrhundertwende grundlegende Eigenschaften des Phänomens Mode erkannt. Simmel zufolge liegen zwei entgegengesetzte menschliche Bedürfnisse dem Phänomen Mode zugrunde: Das Sich-von-den-anderen-unterscheiden-wollen (Unterscheidungsbedürfnis) und das Dazu-gehören-wollen (Nachahmungsbedürfnis).
Simmel schreibt dazu in dem Aufsatz "Die Mode" aus dem Jahr 1911:
»Sie [die Mode]
ist Nachahmung eines gegebenen Musters und genügt damit dem Bedürfnis an sozialer Anlehnung, sie führt den Einzelnen auf die Bahn, die alle gehen, sie gibt ein Allgemeines, das das Verhalten jedes Einzelnen zu einem bloßen Beispiel macht. Nicht weniger aber befriedigt sie das Unterscheidungsbedürfnis, die Tendenz auf Differenzierung, Abwechslung, Sich-abheben. [...]
So ist die Mode nichts anderes als eine besondere Lebensform, durch die man die Tendenz nach sozialer Egalisierung mit der nach individueller Unterschiedenheit und Abwechselung in einem einheitlichen Tun zusammenführt.« (Simmel 1983, S. 40f)
Elena Esposito nähert sich fast ein Jahrhundert später dem Phänomen Mode mit Hilfe der Systemtheorie, greift zu Beginn ihrer Arbeit aber Simmels Erkenntnis auf und verweist auf die Paradoxie, die darin zu finden ist:
»In der Mode realisiert sich eine Form der Nachahmung in dem Versuch, die eigene Individualität durchzusetzen; man strebt Originalität an, indem man tut, was die anderen tun; man nimmt die reine Vorläufigkeit zum dauerhaften Anhaltspunkt; man nimmt eine Verbindlichkeit hin, nur weil sie sich ändert.« (Esposito 2004, S. 9)
Für Esposito steht das Prinzip Mode für das moderne Leben: Die traditionell eindeutige Ordnung wird nach und nach durch einen komplexen, nicht-beliebigen Umgang mit Erscheinungsformen erstezt:
»Die Mode ändert sich ständig, doch solange eine Mode währt, kann sie nicht geändert werden; sie hat keinen Zweck, dennoch gestattet sie es nicht, sich ihr zu entziehen. [...] D
ie Paradoxien der Mode [...] s
ind gerade ein Anzeichen für diese ausgefeilte Form der Erzeugung des Notwendigen aus dem Zufall heraus, die keinerlei Voraussetzung auf der materiellen Ebene bedarf.« (Esposito 2004, S. 10f)
Dass Mode keinen Zweck haben soll, widerspricht m.E. allerdings der oben erwähnten Annahme, dass Mode der Befriedigung zweier grundlegender menschlicher Bedürfnisse dient. Diese Grundbedürfnisse sollten jedoch nicht unhinterfragt als naturgebenen vorausgesetzt werden. Esposito bezieht den fehlenden Zweck vermutlich auf etwas von außen gesetztes.
Also dort wo von außen gesetzte Ordnungen und Regeln verschwinden, gewinnt Mode an Einfluss und bestimmt als ein komplexer Mechanismus die Verhaltensweisen der Menschen. Das rasante Ansteigen von Verordnungen, Bestimmungen und Regelungen, das mancher Orts wahrzunehmen ist (interessanterweise nicht selten dort, wo "Freiheit" großgeschrieben wird, wie z.B. in der Bildung) taucht in der Geschichte der Mode immer wieder auf und untermauert die genannte These vielmehr als ihr zu widersprechen. Nicht selten wurden Kleiderordnungen dann immer strikter, wenn die Wahrscheinlichkeit sie zu brechen und sich nach anderen Prinzipien zu kleiden, immer größer wurden. (vgl. Esposito 2004, S. 19ff)
Esposito beschreibt das Phänomen Mode mit Hilfe eines zentralen Elements der Systemtheorie und zwar der Beobachterperspektive. Vereinfacht werden dabei zwei Formen der Beobachtung (als Kommunikationsrahmen) beschrieben. Die Beobachtung erster Ordnung ist jene, über die sich ein System (z.B. der Mensch) sich von seiner Umwelt unterscheidet, indem es diese beobachtet. Die Beobachtung zweiter Ordnung ist jene, die die Beobachtung beobachtet und auch vom beobachteten System beobachtet werden kann. Auf Mode bezogen heißt dies, dass alle Modeerscheinungen dem Prinzip der beobachteten Beobachtung (2. Ordnung) unterliegen.
Klarer wird dies vermutlich in folgenden Ausführungen von Esposito:
»Das Phänomen der Mode kann auf der Ebene der Beobachtung erster Ordnung weder erklärt noch beschrieben werden: Die Mode betrifft nicht Gegenstände oder den Schein, sondern die Art und Weise ihrer Berücksichtigung. [...]
- Meinungen, die zustande kommen, indem man die anderen beobachtet und indem man beobachtet, wie man von den anderen beobachtet wird. Die Mode hat also nicht direkt mit dem Schönen, dem Wahren oder mit irgendeiner Form von Authentizität zu tun, sondern ist eher auf einer Ebene anzusiedeln, auf der die Beobachtung die Orientierungsfunktion ersetzt, die zuvor durch den Bezug auf die Einheit der Welt (und der Wahrheit) sichergestellt war. [...]
Die Gegenstände befördern sozusagen Beobachtungen, die sich wiederum auf diese richten, um sich miteinander zu vergleichen und gegenseitig zu beobachten.« (Esposito 2004, S. 30f)
Diese Prinzipien sind grundlegend und gelten laut Esposito auch für die Wahrnehmung des eigenen Körpers:
»Das Bild und die Wahrnehmung des eigenen Körpers ergeben sich aus der Beobachtung der Beobachtung und nicht aus einer vermeintlichen originären Körperlichkeit. Die Beobachtung zweiter Ordnung wird also nicht nachträglich eingeführt, sondern ist vielmehr der Ausgangspunkt für die Konstruktion und die (weibliche) Überprüfung der eigenen Identität.« (Esposito 2004, S. 164)
Wenn dem so ist, dann dient Mode in erster Linie zur Reduktion von Kontingenz (Möglichsein). Sie gibt dort Orientierung, wo keine festen Regeln und Vereinbarungen diese Funktion übernehmen:
»Die Mode gibt also an, wofür sich die anderen vermeintlich entscheiden werden, sie gibt an, was allgemein gefällt, ohne damit eine konforme Entscheidung - außer im abstrakten Sinne einer Konformität der Devianz [Abweichung]
- zu erzwingen. Jeder kann sich ruhig für etwas anderes entscheiden, weiß dabei aber zumindest, wovon er ausgehen kann.« (Esposito 2004, S. 168)
Quellen:
- Esposito, Elena (2004): Die Verbindlichkeit des Vorübergehenden
- Simmel, Georg (1983, Orig. 1911): Die Mode. In: Simmel, Georg: Philosophische Kultur - Über das Abenteuer der Geschlechter und die Krise der Moderne